Elaras Tagebuch: Die gesammelten Schriften

Die folgenden Auszüge stammen aus dem Tagebuch von Elara, Wächterin des Blassmond-Heiligtums.




Eintrag 1: Ein Ort zwischen Gut und Böse

Eintrag 1: Ein Ort zwischen Gut und Böse

Einst erstreckte sich Aels ewiges Licht bis an den Horizont, rein und klar. Geschichten über das Wunder seiner Wärme haben sich den Zeitaltern eingebrannt, auch wenn wir sie nicht häufig erzählen. Das Gedenken an sein strahlendes Königreich Valaen ist die süßeste Qual, die es auf der Welt gibt, schmerzhaft wie nur Erinnerungen es sein können.

Ael stand für alles Gute der Schöpfung, doch auch er war nicht perfekt. Er durchlebte Äonen der Einsamkeit und Verzweiflung, in denen er durch die endlose Leere des Universums wandelte. Die Ängste seiner Seele schlichen sich in alles ein, was er schuf, auch in Valaen. Diese Schatten griffen gierig um sich, in Dunkelheit gekleidete Teufel. Um ihren bösen Einfluss aus seinem Königreich zu verbannen, sperrte er sie in ein höllisches Gefängnis, das er Bezda nannte.

Unsere Heimat Nala entstand in der Mitte zwischen Valaen und Bezda. Licht und Dunkelheit. Die Wesen, die Nalas Erde entsprangen, waren zwischen den beiden Richtungen hin- und hergerissen. Ael beobachtete ihr Wachstum voller Neugierde. Er sah Schatten seiner selbst über ihre Gesichter flackern. Einige waren weise und liebenswert. Andere waren klug und neugierig. Und einige wenige besaßen herausragende Macht, die seiner eigenen glich.

Jene, die ihre Macht missbrauchten, wurden nach Bezda verbannt und waren für immer für das Licht verloren. Jene, die reinen Herzens waren, lud er nach Valaen ein und machte sie zu seiner Himmelsgarde.

Manchmal frage ich mich, ob Ael nicht einen großen Fehler beging, als er sich von der Dunkelheit distanzierte. Hätte er diese Eigenschaften nicht als Teil seines Fleisch und Blutes verleugnet, wäre er vielleicht nicht so blind für den Verrat eines Mitglieds seiner eigenen Himmelsgarde gewesen. Doch es ist zwecklos, sich vorzustellen, was hätte sein können. Es zählt nur, was ist. Und was – oder besser gesagt – wer daraus geboren wurde.

Es zählt nur Kavel und die Plage, die er über Nala gebracht hat.

Seinetwegen musste ich mitansehen, wie die Gesichter meiner Brüder erbleichten, wie ihre Haut schlaff und ihre Augen glasig wurden. Ich habe ihre armseligen Skelette über die Friedhöfe torkeln sehen, die sie einst ihre Heimat nannten. Ich habe gesehen, wie sie über honigsüßen Nichtigkeiten mit den Zähnen knirschen und mit den Knochen klappern, gleich abgestorbenen Blättern im Wind des tiefsten Winters.

Wenn selbst Ael die geduldig planende Bosheit, die in Kavels Herz brannte, unterschätzen konnte, welche Chance hatte ich dann?

Zum Glück hat Ael uns auch die Geduld gelehrt.

Ich habe lange auf Euch gewartet, Devilian. Ihr habt im Angesicht endloser Verzweiflung an der Menschheit festgehalten. Erwacht! Schüttelt den Staub von Euren Gliedern, fühlt die kalte Luft in Eurer Lunge brennen und erhebt Euch!




Eintrag 2: Der blinde Fleck

Eintrag 2: Der blinde Fleck

Den alten Geschichten zufolge besaßen alle Seelen in Valaen eine göttliche Unschuld – als ob der Glaube der Himmelsgarde und die Reinheit Aels der Voraussicht keinen Raum ließen. Diese Erinnerungen aus grauer Vorzeit wurden uns überliefert wie geflüsterte Botschaften aus dem Jenseits: gequälte Geister, in deren Gesichtern noch immer fassungsloses Erstaunen über den Großen Verrat geschrieben steht.

Heute, im Angesicht der Höllenlandschaft, zu der Nala geworden ist – und im Wissen, dass Valaen, Aels Spiegel der Schöpfung, gleich dahinter liegt – bezweifle ich die Wahrhaftigkeit dieser Geschichten. Vielleicht war es nicht Unschuld, sondern gewollte, selige Unwissenheit. Was, wenn die Himmelsgarde sich damit zufriedengab, in Aels strahlendem Licht zu baden, und nicht bemerkte, dass ihre Abkehr von der Dunkelheit sie blind machte für alles, was in den Schatten geschah?

Eines ist sicher: Sie sahen es nicht, als einer aus ihrer Mitte sich weigerte, seinen Blick nur auf das Licht zu richten. Sein grenzenloser Hunger nach Wissen erstreckte sich über Valaen hinaus, sogar weit über Nala hinaus, hinab in die Tiefen Bezdas. Er sah alles: die geschundenen Arbeiter, die sich abplagten, um zu überleben, und die gepeinigten Teufel, die in der feurigen Tiefe schmorten. Und in ihm wuchs die Neugierde auf das Wesen, das sie erschaffen hatte.

Er fragte sich, warum Ael den Lebewesen die Freiheit geschenkt hatte, wenn er diejenigen bestrafte, die diese Freiheit zu ihrem eigenen Vorteil nutzten. Er fragte sich, wieso Bezda überhaupt existierte, wenn Ael so wunderbar und mächtig war. Er fragte sich, weshalb die übrigen Mitglieder der Himmelsgarde Ael mit Lob überschütteten, wenn er doch so deutlich sah, dass Ael grausam war.

So grausam, dass er den Seelen, die er erschuf, noch nicht einmal einen Namen gab. Keiner einzigen von ihnen. Diese besondere Seele musste sich selbst einen Namen geben.

Und so wurde Kavel geboren.

Obwohl Dunkelheit in Kavels Seele schwärte, weilte er noch immer inmitten der Himmelsgarde. Tag für Tag erhoben die anderen ihre Waffen, um Aels Königreich zu beschützen. Kavel schärfte derweil seine Klinge, um es zu zerstören.




Eintrag 3: Die Teufel erheben sich

Eintrag 3: Die Teufel erheben sich

Kavel trieb sich unter den Menschen umher und flüsterte jedem Wesen, das er traf, seinen bösen Willen ein. Er brauchte nur ein zänkisches Flüstern – nur ein einziges enttäuschtes Seufzen – und schon dirigierte er eine anarchische Oper, die laut genug dröhnte, um selbst Titanen taub zu machen. Über die Jahrhunderte zog er diesen Samen der Zwietracht zu einem wuchernden Wald heran.

Er erntete all den Hass und Groll, den er so fleißig in den Menschen genährt hatte, und schmiedete daraus eine grauenhafte Waffe, die mächtig genug war, Ael zu vernichten. Die Klinge war so scharf wie Kavel selbst, und so von Schatten durchdrungen, dass sie Qualen über alle brachte, die das Pech hatten, ihre Aura zu spüren. Sie war Kavels ganzer Stolz und er taufte sie den Himmelsberster.

In meinen Albträumen stand ich inmitten der Himmelsgarde, als Kavel seine finsteren Pläne in die Tat umsetzte. Furcht muss ihre Herzen ergriffen haben, als sie Kavel auf seinem Marsch durch Valaen erblickten: von Dunkelheit ummantelt, seine Augen blutrot glühend im Widerschein des Himmelsbersters. Allein der Gedanke daran lässt mein Herz erstarren. Wirklich dort zu sein – die Ohren erfüllt von Kriegsgeschrei, dem sicheren Verderben entgegenzublicken – wäre unerträglich.

Vielleicht war es auch für Ael unerträglich. Es heißt, im Moment der Gegenüberstellung, als Kavel mit seiner Klinge zustieß, stand Ael wie versteinert. Selbst als der Schein des Himmelsbersters in seinen Augen brannte, wollte Ael noch immer nicht glauben, dass sein geliebtes Geschöpf ihn verraten könnte.

Jetzt ist keiner von uns mehr so naiv.

Glücklicherweise war Aels Macht größer, als Kavel erwartet hatte. Möge die Menschheit nie wieder Anlass haben, für Überheblichkeit dankbar zu sein! In einer Eruption strahlenden Lichts zerschmetterte Ael den Himmelsberster und vertrieb Kavel aus seinem Königreich.

Doch in seinem geschwächten Zustand musste er hilflos zusehen, wie die Splitter des Himmelsbersters auf Nala niederregneten. Die feurigen Fragmente spalteten die Erde und verdarben das Land. Ihr finsterer Einfluss tränkte den Boden wie Blut aus einer offenen Wunde.

Ael blickte erneut auf seine Schöpfung herab, den Spiegel seiner eigenen, blutbefleckten Seele, und wandte sich ab.